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Kapitel 4

Tom

Tom wartete ungeduldig auf die Rückkehr seines Sohnes. Ebenso wie Lynn und Amy. Es gab einen Anlass zu feiern, obwohl Tom längst ahnte, dass Samuel seine Meinung nicht teilen würde. In letzter Zeit stritten sie immer öfter. Er hoffte, sein Sohn würde ihnen die Neuigkeit mit seinen Launen nicht gleich wieder verderben.

Es war bereits dunkel, als Tom die Scheinwerfes des Jeeps in den Dünen aufblitzen sah. Vermutlich hatte Samuel einmal mehr in den Sandbergen gesessen und Trübsal geblasen. Die Familie saß wartend um den Tisch, lachte und diskutierte, während Lynn das Abendessen bereitete. Irgendwann klickte das Türschloss und Sam versuchte unbemerkt in seinem Zimmer zu verschwinden. Tom hielt sich zurück und warf stattdessen einen Blick zu Amy hinüber, die sogleich aufsprang und in den Flur hinauslief. Den großen weißen Umschlag hatte sie auf dem Tisch liegenlassen. Wenn der Junge nur begreifen würde, wie stolz es Tom machte, dass der Brief endlich angekommen war. Die sehnlichst erwartete Nachricht, die allen – außer Samuel – das Herz höher schlagen ließ.

„Da ist er ja!“, rief Amy überschwänglich und fiel ihrem Bruder um den Hals. „Kommt alle her und gratuliert dem Superhelden! Er hat es geschafft, dieser Schurke! Lass dich von deiner kleinen Amy knutschen!“

„Schon gut“, hörte er Sam murmeln. „Ich bin müde und habe keine Lust auf Neuigkeiten.“

„Du wirst nicht dran vorbeikommen! Dad hat eine Flasche Wein geöffnet … Du weißt, was das bedeutet.“

„Samuel! Komm doch herein“, rief Lynn. Sie trat in den Türrahmen, legte den Kopf schräg und sah ihn mit ihrem süßesten Lächeln an. „Wir haben mit dem Essen auf dich gewartet. Es gibt Austern, Scholle, Kabeljau … Alles, was dein Herz begehrt.“

„Mom, bitte. Ich will keinen weiteren Streit provozieren.“

„Das bist du aber im Begriff zu tun, wenn du nicht kommst.“

Tom kannte ihre flehenden Blicke nur zu gut. Sie waren Lynns Wunderwaffe, denen ihr Sohn nie widerstehen konnte. Er wusste, dass Sam ihretwegen zustimmen würde. Die Tatsache schmerzte ihn, doch er war erleichtert, dass Samuel überhaupt reinkommen würde.

„Gebt mir eine Minute. Ich will meine Strandsachen ausziehen.“

Kapitel 5

Kriemhild

Sie hatte geschlafen, als wäre sie tot. Nicht, dass es eine erschreckende Art von tot gewesen wäre. Eher eine gesunde, erholsame. Ihr Bett war so gemütlich, dass sie sich treten musste es zu verlassen. Denn es gab etwas, das sie mindestens genauso reizte.

Der Strand! Vom Fenster aus beobachtete Kriemhild Möwen. Sie warfen sich sturzflugartig in die Wellen und ergatterten kleine Fische. Kreischend und zänkisch verteidigten sie ihre Beute gegen die Konkurrenz.

Kriemhild roch die herbe Seeluft, die verlockend in ihre Nase stieg. Am Horizont hinter den Dünen zeichnete sich die Ortschaft ab. Die malerische Gegend, die darauf wartete, erkundet zu werden.

Sie beeilte sich mit dem Frühstück. Nicht nur wegen der Neugier auf den Tag, sondern auch aus Angst, Margret könne Dinge ansprechen, an die sie nicht denken wollte. Wie an ihren Vater, oder Justus. Doch ihre Tante fand ein ganz anderes Thema: Kriemhilds Großvater.

Die Bilder seiner Beerdigung vor ein paar Wochen traten lebhaft aus ihrer Erinnerung hervor.

„Weißt du, Margret, wir haben fest mit euch gerechnet. Ich habe fest mit euch gerechnet. Schade, dass ihr nicht gekommen seid. Verrätst du mir der Grund?“

Ihre Tante schaute aus dem Fenster und schwieg, als hätte sie die Frage gar nicht gehört. Innerhalb weniger Minuten schien sie rapide gealtert zu sein.

„Erzählst du es mir?“ Kriemhild ließ nicht locker.

Was soll ich erzählen, Kind?“

„Wieso du jahrzehntelang keinen Kontakt zu ihm hattest.“

Margret blickte auf Kriemhilds leeren Teller und nahm ihn vom Tisch, um in die Küche zu gehen. „Es hat dir geschmeckt? Das macht die gute Seeluft. Darf ich dir nachfüllen?“

„Bitte setz dich, Tante. Ich trage ihn selbst zurück. Da fällt mir ein, ich habe einen Brief für dich dabei, von Großvater. Ich laufe schnell hoch, um ihn zu holen.“

Erst, als der Porzellanteller klirrend zu Boden fiel, bemerkte Kriemhild das leichenblasse Gesicht. Margret war erstarrt, die Hand zitterte. Sie zog ihrer Tante einen Stuhl heran und half ihr beim Hinsetzen. Die alte Frau stand völlig neben sich.

„Geht es dir gut? Soll ich ein Glas Wasser holen?“

„Nein, nein. Es ist nur … es geht mir gut. Das alles kommt sehr plötzlich … Behalte den Brief bitte bei dir. Ich … werde ihn später lesen.“

Vorsichtig sammelte Kriemhild die Scherben vom Boden auf und fegte die Splitter zusammen. „Wenn du willst, bleibe ich bei dir. Vielleicht setze ich einen Tee auf? Es tut mir leid, ich hätte den Brief nicht erwähnen sollen. Hätte ich gewusst, dass er dir so zusetzt …“

„Keine Sorge, es geht mir gut. Geh nur. Ich wollte dir den Tag nicht verderben. Du sollst dich erholen und dir keinen neuen Kummer aneignen. John ist im Garten, ich werde ihn rufen. Du solltest das herrliche Wetter der ersten Juniwoche nicht verpassen.“

„Bist du sicher?“

Margret lächelte und tätschelte Kriemhilds Wangen. „Ich bin sicher! Und nun raus mit dir.“

Ihre Tante hatte Recht behalten. Das strahlende Wetter versprach einen warmen Sommer. Das Meer war ruhig und glatt wie ein Spiegel. Leise Wellen schwappten auf und ab und kleine Krabben huschten über den Sand. Es war Samstag und Kriemhild fragte sich, wie lang die Geschäfte im Ort geöffnet hatten. Der Weg durch die Dünen zur Straße wäre sicher der kürzeste, um das herauszufinden.

Sie schnallte ihre Sandalen ab und stapfte durch die hügligen Sandberge. Der weiße, warme Puder gab sanft unter ihren Füßen nach. Strandhafer und Sandsegge neigten sich im Wind. Die Brise, die vom Meer herüberwehte, drückte die Halme landeinwärts und ließ sie aussehen wie gebeugte grüne Haarbüschel.

Kriemhild blieb stehen und genoss den Blick auf den Ozean. Am Horizont verschmolzen Himmel und Wellen. Eine lautlose Bewegung aus dem Augenwinkel ließ sie sich umdrehen.

Nur wenige Schritte von ihr entfernt hockte jemand in den Dünen, den sie zuvor nicht bemerkt hatte. Er blickte aufs Meer hinaus, unbeteiligt am Geschehen um ihn herum. Er schien ungefähr in Kriemhilds Alter zu sein und war sonnengebräunt und von ziemlich durchtrainierter Figur. Der Wind warf seine braunen Haarsträhnen immer wieder ins Gesicht, was ihn nicht im Geringsten zu stören schien. Die Art, wie er dort hockte, faszinierte Kriemhild und zog sie in ihren Bann. Seine makellosen Arme umschlossen nicht nur die Knie, sondern auch etwas Anziehendes, das ihn umgab.

Für eine Sekunde lang begegneten sich ihre Blicke, als er bemerkte, dass sie ihn entdeckt hatte. Seine Augen fokussierten sie und sogen sie fesselnd in sich auf. Wie zwei magnetische Opale, die sie in einen schwindelerregenden Strudel hinabzogen. Kriemhild erstarrte, bis eine weiche Welle sie überrollte und wieder freigab.

Die Sekunde war verstrichen. Er schaute demonstrativ in eine andere Richtung, doch etwas blieb an ihr haften. Ein schmerzender Schatten und das brennende Verlangen, noch einmal in seine Augen zu schauen.

Kein Gruß, kein „Hallo“. Erschlagen von der Begegnung stolperte sie weiter Richtung Straße.

Kriemhild gelangte auf die Hauptstraße und stellte enttäuscht fest, dass bis zum Stadtzentrum noch ein langer Fußmarsch vor ihr lag. Weit und breit gab es nichts als verlassene Strandhäuser, die auf die Saison warteten, Dünen und Sand. Ein anthrazitfarbener Jeep parkte halb auf der Fahrbahn, halb im Graben. Kriemhild schaute zurück in die Hügel und ahnte, wem der Wagen gehörte. Eine kribbelnde Million kleine Wassertropfen benetzte sie noch immer.

In der Ferne erkannte sie die Häuser, die ihr Ziel darstellten. Langsam schlenderte sie über den versandeten Gehweg und überlegte, ob sie ein paar Postkarten besorgen und an ihre Freunde versenden sollte. Ein Wagen näherte sich mit überhöhter Geschwindigkeit und lauter Musik aus den wummernden Boxen. Er überholte, fuhr einige hundert Meter weiter, bremste mit quietschenden Rädern ab und kam dann rückwärts wieder auf sie zu.

Ein quietschgelber Pontiac Solstice GXP. Das wusste Kriemhild zufällig ziemlich genau, weil Justus der Protz-Auto-Fan schlechthin war. Er wäre sicher grün vor Neid geworden. Was sie selbst anging, gefiel ihr ganz und gar nicht, dass die beiden Kaugummi kauenden Sunnyboys ihretwegen umgedreht waren und im Schritttempo neben ihr herfuhren. Der Fahrer klappte seine coole Sonnenbrille über den Kopf, während der Beifahrer lässig im Sitz hing und die Musik etwas leiser drehte, bevor er sie ansprach.

„Aber hallo! Sag du es mir, James, was macht ein so hübsches Mädchen wohl allein auf einer einsamen Straße?“

„Keine Ahnung, Jason. Frag sie mal.“

„Können wir dich irgendwohin mitnehmen?“

„Nein danke.“ Sie versuchte kühl zu wirken. „Aber ihr könnt euch verziehen und mir den Tag nicht länger versauen.“

Der Sonnenbrillentyp schlug dem Lässigen aufs Knie. „Wow! Die hat PS unter der Haube!“

„Ach bitte, mach uns die Freude, dich mitzunehmen“, bat der andere. „Sicher bist du unterwegs in die Stadt? Sieh mal, genau dahin wollen wir auch.“

Kriemhild wurde nervös. Die Jungs hatten Recht, wenn sie die Straße einsam nannten und sie zwang sich, das Beben ihrer Stimme zu unterdrücken.

„Witzbold. Selbst wenn ich mitfahren wollte, wo würde ich sitzen? Oder hat das neueste Pontiacmodell vielleicht ‘nen Notsitz im Kofferraum?“

„James! Die Kleine kennt den Namen unseres Wagens! Das macht sie noch interessanter. Hey, wie heißt du? Du bist nicht von hier, richtig? Und was das Sitzproblem angeht …“ Er breitete die Arme aus und schaute auf seinen Schoß hinab. Ihr wurde übel. Vielleicht sollte sie zurück in die Dünen rennen, um die Kerle loszuwerden?

Ein weiteres Motorengeräusch ertönte hinter ihr. Kriemhilds Knie zitterten und sie wünschte, sie hätte die Häuser endlich erreicht. Dann überholte der dunkle Jeep den Pontiac und fuhr auf gleicher Höhe im Schritttempo. Der seltsame Typ aus den Dünen kurbelte das Fenster runter und rief: „Tut mir leid, Jungs, aber die Kleine gehört zu mir. Kommst du?“

Sie wägte kurz ab, was das Beste in der Situation wäre. Doch etwas sagte ihr, dass sie so schnell wie möglich in den Jeep steigen sollte.

„Was willst du, Penner? Hast du etwa mit uns gesprochen?“

„Lass ihn, James. Das ist Sushi-Sam. Mit einem Freak wie ihm haben wir nichts am Hut. Hey, Kleine, falls der Beau dich langweilen sollte, wir sind immer in der Nähe!“

Sie schlug die Tür zu und bemühte sich, nicht zu zittern. Alle Erinnerungen an Justus tanzten lebhaft vor ihren Augen. Sushi-Sam fuhr an und wurde im selben Moment von den grölenden Jungs überholt.

„Danke.“ Sie wagte nicht, ihn anzuschauen. Allein seine Nähe elektrisierte sie.

„Keine Ursache.“

Sie schwiegen. Hinter der nächsten Kurve kamen die Häuser näher.

„Wo darf ich dich rauslassen?“ Seine Stimme klang wie eine Sommerbrise im Schilf.

„Um ehrlich zu sein, kenne ich mich hier nicht aus. Wo gibt es einen Souvenirladen?“

Er lachte, als hätte sie etwas Enttäuschendes gesagt.

„Dort drüben sind einige Boutiquen. Ein Touristencenter, ein paar Restaurants.“ Der Wagen stoppte. Er fasste über sie hinweg und stieß die Beifahrertür auf. „Und noch was: Zurück gehst du besser über den Strand. Da sind mehr Leute, wenn du verstehst, was ich meine.“

„Klar. Danke nochmal.“

Kriemhild stieg aus. Ohne ein „Tschüss“ brauste er ab und hatte es geschafft, sie völlig aus dem Konzept zu bringen. Nicht einmal nach ihrem Namen hatte er gefragt.

Sie fand einen Laden, der Postkarten verkaufte. Während sie den Ständer drehte, um ein hübsches Motiv auszuwählen, überlegte sie, wem sie schreiben sollte. Auf jeden Fall ihrer Mutter. Und ihrer besten Freundin Sara.

Die Augen. Seine Augen gingen ihr einfach nicht aus dem Kopf.

„Die hier ist schön, meinst du nicht?“

Kriemhild schaute auf und sah in ein strahlendes Gesicht. Nussbraunes Haar umrahmte die zarten Züge. Das Mädchen hielt eine Karte in der Hand, auf der ein Sonnenuntergang über Martha’s Vineyard abgebildet war.

„Hi, ich bin Brooke“, sagte sie und warf mit der Linken die Locken über ihre Schulter.

„Hi, Brooke. Ich heiße … Nenn mich einfach Kate.“

„Cool. Was unternehmen wir, Kate?“

„Was meinst du damit?“

Brooke lachte wie ein kleines Mädchen, das von daheim ausgebüxt war.

„Na, es sind Ferien! Wer langweilt sich schon gern in den Ferien? Was ist das für ein Akzent, den du da sprichst? Du bist nicht von hier? Nun, ich wohne gleich da drüben. Meinen Eltern gehört die Pension. Wir vermieten Zimmer an Urlauber, du weißt schon. Eigentlich muss ich helfen – in den Ferien – aber, hey, die haben das Wort Ferien nicht richtig begriffen, oder?“

„Ja, schon möglich. Lass mich schnell die Karten hier bezahlen.“

Kriemhild bezahlte und das Mädchen wich keinen Zentimeter von ihrer Seite. Während sie auf das Wechselgeld wartete, nahm Brooke Kriemhilds Haare zu einem Zopf zusammen, strich darüber und löste ihn wieder.

„Wow! Das ist … unglaublich. Ist die Farbe echt? Zuerst dachte ich, die Hübsche da vorne an dem Kartenständer ist aber sehr mutig, ihr Haar so knallrot zu färben! Oder sie ist ein Punk. Hey, bist du ein Punk? Ich habe nichts gegen Punks. Obwohl ich mir selbst niemals rote Haare färben würde.“

„Brooke! Die Farbe ist echt. Übrigens sind sie nicht rot, sondern kastanienbraun. Merk dir das! Ich hasse es, wenn jemand sie rot nennt.“

Sie verließen den Laden und Brooke hielt einen Vortrag über die natürliche Farbe von Kastanien, die nichts mit Kriemhilds Haar gemeinsam hatte.

Wer war das Mädchen, und wieso tat sie so, als kannten sie sich schon ewig? Sie schlugen den Weg runter zum Strand ein. Vielleicht war sie von Nutzen.

„Brooke? Darf ich dich was fragen?“

„Sicher! Was gibt’s?“ Ihre Rehaugen funkelten vor Neugier.

„Was weißt du über diese Typen … James und Jason? Oder Sushi-Sam?“

Bei den Namen begann Brooke wild an ihrer Seite zu hüpfen. Ihre Stimme überschlug sich beinahe. „James und Jason? James und Jason! Oh mein Gott, sind sie wieder hier? Hast du ihren Wagen gesehen? Du musst ihren Wagen sehen! Letzten Sommer haben sie mich darin mitgenommen. Ein Gefühl wie …“ Sie seufzte. „Ich denke nicht, dass sie sich noch an mich erinnern. James und Jason sind die Söhne zweier sehr – sehr – erfolgreicher New Yorker Staatsanwälte. Sie verbringen jeden Sommer am Cape Cod. Sie sind die Adresse für Strandpartys! Ich denke, heute oder morgen werden sie die erste Party unten am Pier geben und damit die Saison eröffnen. Gehen wir zusammen hin? Bitte! Bitte, du musst mit mir hingehen!“

Staatsanwaltssöhne also. Das erklärte so einiges. Wenn die dort irgendeinen Karren in den Dreck fuhren, kamen Daddy und Daddy und zogen sie aus der Patsche. Ein Grund mehr, sich von ihnen fernzuhalten, beschloss Kriemhild.

„Ich weiß noch nicht, mal sehen. Vielleicht gehe ich hin. Vielleicht auch nicht. Du hast Sushi-Sam nicht erwähnt.“

Brooke lachte, als sei die Frage nicht ernst gemeint.

„Er ist ein Voll-Freak! Freakiger als der geht gar nicht. Und hübscher sicher auch nicht.“ Sie flüsterte, als sei es verboten, das laut auszusprechen. „Hast du seine Augen gesehen? Die glatten Umhauer, sag ich dir! Leider weiß Sam um seine Anziehungskraft. Was ihn wiederum unsympathischer macht. Seine ganze Familie ist abgehoben. Sie leben irgendwo in einer ziemlich coolen – für sie zu coolen – Villa in den Dünen. Die Dawsons sind auf ihrem Gebiet weltbekannte Meeresbiologen. Sie forschen unten in Woods Hole am MBL.“

„MBL?”

„Ja, das Marine Biological Laboratory. Also, wie wär’s, wenn wir in Claire’s Boutique gehen und uns angesagte Bikinis für die Strandparty kaufen?“

Kapitel 6

Samuel

Er lehnte an einer Straßenlaterne und schaute zum Strand hinunter. Seit Tagen fühlte er sich, als bekäme er eine Grippe oder sowas. Vielleicht war es auch nur die Perspektivlosigkeit, die innere Leere, die ihn quälte. Für alle anderen Mitglieder seiner Familie stand die Zukunft fest. Auch seine Zukunft hatten sie längst beschlossen. Nur, dass er sich eine ganz andere gewünscht hätte. Was, wenn er einfach in den Ozean springen würde? Schlimmer als sein momentanes Leben konnte es nicht werden.

Ein kurzer Blick in die Boutique zu seiner Linken verriet ihm, dass Amy noch lange nicht die richtigen Schuhe gefunden hatte. Frauen! Doch bei seiner Schwester konnte er verstehen, wieso das Thema Schuhe sie besonders faszinierte.

Ob sie das letzte Paar mitnehmen würde? Als Souvenir?

Sein Blick schwenkte zum Strand zurück und blieb an einer schmalen Gestalt hängen, die zwischen den Dünengräsern hockte. Sie war nicht allein. Ihre neue Freundin und sie hielten einen Coffee-to-go in Händen und schwatzten lebhaft miteinander. Wenigstens würde die Quasselstrippe Brooke das rothaarige Mädchen vor James und Jason beschützen. Obwohl er sich da nicht allzu sicher war … Wer wusste das schon; vielleicht lockte Brookes viel zu kurzer Rock sie am Ende sogar an?

„Sam? Komm her und berate mich! Das alles ist so verwirrend.“

„Ja, das ist es in der Tat.“

Amy stakste aus der Boutique und torkelte unsicher auf den pinkfarbenen Highheels über das Straßenpflaster. „Was sagst du?“

„Ma’am? Entschuldigen Sie …“ Eine aufgeregte Verkäuferin folgte seiner Schwester aus der Tür. „Sie dürfen nicht einfach mit den Schuhen da rauslaufen, ohne sie vorher zu bezahlen.“

„Oh … Ich bin sofort zurück. Ich wollte meinen Bruder nur um Rat fragen. Also, Sam?“

Er lachte und schüttelte den Kopf. „Ich sage, dass Cassina keine Schuhe mehr braucht. Zumal du genug in deinem Schrank hast. Was soll aus denen werden? Wegschmeißen?“

„Sehr witzig. Du missgönnst mir aber auch alles!“

„Ma’am?“ Die Verkäuferin schaute ungeduldig.

„Ich nehme die Schuhe, nur eine Sekunde.“

„Ich missgönne dir gar nichts“, sagte Sam. „Im Gegenteil. Was gäbe ich drum, mit dir zu tauschen!“

Sie schaute ihn mitleidig an und schloss ihn in die Arme.

„Versuch bitte, dich für mich zu freuen! Ich bin eben kein so tolles Wunderkind wie du. Mich wollten sie in Harvard schließlich nicht haben. Mach einfach das Beste draus und irgendwann darfst du auch wieder zurück, da bin ich mir sicher. Sie werden dich hier schon nicht versauern lassen.“

Das fremde Mädchen zog seine Blicke wieder an.

„Nein, nicht versauern. Stattdessen setzen sie mich einer sehr großen Gefahr aus.“

Amy löste die Umarmung und folgte seinem Blick.

„Oh … Sag, dass das nicht wahr ist!“, flüsterte sie.

„Hilf mir, es zu verhindern. Vielleicht ist es früh genug.“

„Soll ich Dad einschalten?“

„Bist du wahnsinnig? Das lässt du schön bleiben, hörst du!“

„Gib mir eine Minute. Ich bezahle die Schuhe und dann verschwinden wir von hier.“

Der Wind wehte ihren Geruch zu ihm herüber. Er bemühte sich, ihre Stimme zu überhören. Wie er seine Sinne hasste! Vielleicht sollte er eine Runde schwimmen gehen? Das Salzwasser würde ihm einen anderen Geschmack verleihen.

Brooke erhob sich und wieder fragte Samuel sich, aus welchem Grund ein Mädchen einen so kurzen Rock trug. Kein Wunder, dass alle dachten, sie würde es drauf anlegen. Die Rothaarige war da anders. Ihr dunkelgrünes Strickkleid schmeichelte nicht nur ihrem Teint, es war auch lang genug, um nicht gleich die Farbe ihres Slips zu verraten.

Brooke zog und zerrte an ihrem Arm, bis sie sich schließlich mühevoll erhob.

„Siehst du, ich wusste, dass du mir nachgibst. Mit deiner Figur kannst du dich heute Abend ruhig im Bikini sehen lassen!“

Er seufzte. Sie kamen geradewegs auf ihn zu und er wusste bereits, dass Brooke ihn nicht übersehen würde. Wieso brauchte Amy so lange dafür, ihre blöden Schuhe zu bezahlen?

„Sieh mal einer an. Erst eben haben wir über dich gesprochen, Samuel. Hast du schon Bekanntschaft mit Kate gemacht? Sie verbringt den Sommer bei ihren Verwandten. Bin ich froh, dass ich schon so früh im Jahr eine liebe Freundin gefunden habe. Die Saison kann ja so schrecklich lang sein, wenn die falschen Urlauber da sind. Findest du nicht? Ach, kann dir auch egal sein, du nimmst ja ohnehin nicht am gesellschaftlichen Leben dieser Insel teil.“

„Freut mich auch, dich zu sehen, Brooke“, sagte er und schaute wieder zum Strand hinunter. Er würde es sicher nicht drauf anlegen, dem Blick der Rothaarigen noch einmal zu begegnen. Das, was am Morgen in den Dünen passiert war, reichte aus, um ihm mindestens die komplette kommende Woche den Verstand zu rauben.

„Sehen wir dich heute Abend auf der Party, Sam?“

„Wie du schon sagtest, das gesellschaftliche Leben dieser Insel geht spurlos an mir vorüber.“

„Ist auch besser so.“ Brooke rollte die Augen. „Das garantiert uns, dass wir einen Heidenspaß haben werden. Komm, Kate. Da drüben ist die Boutique, von der ich dir erzählt habe. Ich schlage vor, du trägst einen ähnlichen Grünton wie dein Kleid. Das unterstreicht deine sagenhafte Haarfarbe. Oh Gott, die Jungs werden dir zu Füßen liegen. Was soll ich nur anziehen, damit ich nicht völlig untergehe?“

Amy trat aus dem Schuhladen. In der Rechten hatte sie eine Tüte, die ein eckiges Etwas erahnen ließ. „Tut mir leid, der Kreditkartenleser hat nicht funktioniert. Ich habe alles mit angehört.“

„Du bist zwei Minuten zu spät. Jetzt musst du mich bis zum Herbst wegsperren.“

Sie gingen die Straße hinab, Richtung Pier. Irgendwo dort hatte er den alten Jeep geparkt. „Hey, jetzt sag doch was, Sam. Es gefällt mir nicht, wenn du schweigst. Das mit dem Wegsperren ist doch völliger Blödsinn. Oder etwa nicht?“

Plötzlich blieb er stehen und hob die Hand, um seine Schwester zum Schweigen zu bringen. Sie schaute sich um und er spürte, dass sie die beiden Jungs vor Claire’s Boutique bemerkt hatte. Schnell zog er Amy hinter einen geparkten Wagen.

„Was soll das? Was hast du vor?“, schimpfte sie. „Du willst doch nicht etwa … Hör sofort auf damit! Hast du völlig den Verstand verloren, Sam? Warte!“

Sie riss ihn herum und sah ihm fest in die Augen. „Du brauchst ihre Gedanken nicht zu lesen! Sie sprechen laut genug, dass du deine Ohren dafür benutzen kannst. Bring mich nie wieder in diese Gefahr, kapiert? Ich werde heiraten, Samuel, und das wirst du nicht noch einmal aufs Spiel setzen!“

„Schon gut! Halt einfach mal für ‘ne Minute deinen Mund, ja? Danke.“

Er konzentrierte sich wieder ganz auf James und Jason. Sie lungerten grinsend vor dem Schaufenster herum und flüsterten.

„Und, siehst du was, Jason?“

„Nein, verdammt! Die Umkleiden sind von hier draußen nicht einzusehen. Aber hey, du brauchst nicht zufällig ein neues Beachoutfit für heute Abend?“

„Ich denke, ich habe erst ein nagelneues bekommen.“

Jason schlug seinem Freund auf den Hinterkopf. „Idiot! Aber immerhin. Sie kommen zum Pier, wer hätte das gedacht. Diese Party geht richtig ab!“

„Brooke, sicher. Aber die Rothaarige kannst du knicken. Die ist hart wie Granit.“

„Pass auf, James, die Wette gilt! Die Rote gehört mir, gib mir zwei Tage. Spätestens Anfang der Woche ist sie reif.“

Sie schlugen sich grölend in die Hände und schlenderten zum Strand hinab. Samuel bebte vor Wut. Sein Atem zischte. Er wusste, dass Amy seinen pochenden Herzschlag hörte. Vorsichtig legte sie ihre Hand auf seinen Oberarm.

„Okay. Ich verstehe, du hast ein großes Problem. Aber du wirst dort nicht hingehen. Hast du mich verstanden? Wenn du es tust, fühle ich mich gezwungen, Dad zu informieren.“

Er brüllte sie an und schleuderte ihre Hand von seinem Arm.

„Sam! Beruhige dich!“

„Ich soll mich beruhigen? Es reicht! Ich habe keine Lust mehr auf dieses Spiel! Ich gehöre nicht hierher! Verstehst du? Ich bin eine Gefahr für euch und für alle anderen dort unten. Und sie haben mich selbst zu dieser Gefahr gemacht. Was spricht dagegen, einem Mädchen zu helfen? Ich werde ihr schon nicht auf die Nase binden, was sie ohnehin nicht begreift.“

Mit einer energischen Geste fuhr er sich durch die Haare. Amy kannte ihn zu gut. Er wusste, was sie wusste. Ihre Gedanken waren in all den Jahren miteinander verschmolzen. Nichts würde ihn davon abhalten, die rothaarige Fremde vor Jason zu beschützen.

„Versprich mir, dass du vorsichtig bist. Hau diesen Typen dahinten meinetwegen eins auf die Nase, aber gib dem Mädchen keinen Anlass, dich zu hinterfragen. Bitte, Sam.“

Ihr Blick war flehender, als der von Mom je sein konnte. In ihren Augen las er ehrliche Sorge und sogar eine Spur von Angst.

„Ich verspreche es.“

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