Читать книгу: «Der weibliche Weg»
Für alle Mütter,
für alle Mütter meiner Ahnenreihe,
für meine Großmutter Elisa,
für meine Mutter.
Impressum
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
Martine Texier
Der weibliche Weg
Kraftvolle Rituale und Übungen für Schwangerschaft und Geburt
E-Book (epub): ISBN 978-3-86374-483-0
(Druckausgabe: ISBN 978-3-86374-481-6, 1. Auflage 2018)
Mankau Verlag GmbH
D-82418 Murnau a. Staffelsee
Im Netz: www.mankau-verlag.de
Internetforum: www.mankau-verlag.de/forum
Übersetzung aus dem Französischen: Susanne Engelhardt, München
Lektorat: Redaktionsbüro Diana Napolitano, Augsburg
Endkorrektorat: Susanne Langer-Joffroy M. A., Germering
Gestaltung Umschlag: Manuela Hutschenreiter, X-Design, München
Layout und Satz: Lydia Kühn, Aix-en-Provence, Frankreich
E-Book-Herstellung und Auslieferung: Brockhaus Commission, Kornwestheim, www.brocom.de
Energ. Beratung: Gerhard Albustin, Raum & Form, Winhöring
Bildnachweis: © Grafikstudio Heike Brückner, Regensburg (47, 52, 53, 56 u., 57, 58, 65 u., 66, 67 u., 69 o., 70–72, 78, 79, 81, 84, 85, 87–89, 93, 96–100, 108, 109, 112 u., 116, 118, 127, 131, 132, 138, 139, 145, 147, 151–156, 181, 199, 266)
© Mylène Defrance (21, 49, 51, 56 o., 60, 65 o., 67 o., 69 u., 76, 77, 80, 92, 106, 112 o., 115, 283–285, 290, 292)
Die Originalausgabe erschien unter dem Titel
»Accouchement, naissance. Un chemin initiatique«
© 2002/2012, by Éditions Le Souffle d’Or (France), translation provided by
Agence Schweiger (France)
Alle Rechte der deutschsprachigen Ausgabe:
© 2018, Mankau Verlag GmbH, Murnau
Wichtiger Hinweis:
Verlag und Autorin haben bei der Erstellung dieses Buches Informationen und Ratschläge mit Sorgfalt recherchiert und geprüft, dennoch erfolgen alle Angaben ohne Gewähr; Verlag und Autorin können keinerlei Haftung für etwaige Schäden oder Nachteile übernehmen, die sich aus der praktischen Umsetzung der in diesem Buch dargestellten Inhalte ergeben. Bitte respektieren Sie die Grenzen der Selbstbehandlung, und suchen Sie bei Erkrankungen einen erfahrenen Arzt oder Heilpraktiker auf.
Inhalt
Dank an
Vorwort von Richard Moss
Vorwort von Yves Mangeart
Einleitung
Der Ablauf der Initiation
Intensität, Anstrengung, das Über-sich-Hinauswachsen
Aufruf ans Leben
Die Geburt: ein natürlicher Vorgang
Zur Welt kommen
Präsenz
1. Die Durchquerung des Beckens
A. Die Beckenhöhle als Nest
Das Becken im Körperschema
Anatomie und Körperwahrnehmung im Yoga
Das Becken als Wegkreuzung im Körper
Das Becken als Wegkreuzung der Energieströme
Wecken Sie Ihre Lebensenergie
B. Die Eingangspforte zum Becken
Sich das große Becken bewusst machen
Das große Becken in den Yoga-Stellungen
Die Eingangspforte des Beckens
Ein Bad aus Licht für Ihr Kind
C. Die Ausgangstür des Beckens
Die Sitzbeinhöcker: Vorderseite des Beckens
Die Raute an der Beckenunterseite
Der Beckenboden
Die Erweckung der Basis
Die Ausgangstür des Beckens
Das In-sich-Sitzen
D. Das kleine Becken: das Heiligtum
Der Weg zur Initiation
Die Atmung
Die Geburtsspirale
Das kleine Becken in den Yoga-Haltungen
Das innere Heiligtum
Der Appell an das Leben im Heiligtum
E. Die Festigkeit des Beckens
Festigende Haltungen: Kreisen in Seitenlage
Das Gesäß anspannen
F. Die Öffnung des Beckens
Die Gelenke des Beckens
Haltungen zur Öffnung des Beckens
Öffnen Sie sich
2. Das Fundament, die Tür zum Gebärmutterhals
A. Das Fundament
Das Fundament für den Damm
Sich des Damms bewusst werden
Die Beckenspange
Das Dammkreuz
Das Symbol der Unendlichkeit am Damm
Die Scheidenatmung
Das Licht der Geburt
Sitzen Sie auf Ihrem Fundament
B. Der Gebärmutterhals mit dem Muttermund als Tür
Der Gebärmutterhals im kleinen Becken
Der Gebärmutterhals im großen Becken
Der Gebärmutterhals und der Damm
Der Gebärmutterhals in körperlicher Hinsicht
Der Gebärmutterhals in energetischer Hinsicht
Den Muttermund wahrnehmen
3. Kraft und Gleichgewicht
A. Die Kraft des Bauches
Der Körperschwerpunkt
Das Kraftzentrum
Die aktive Bauchatmung
Das energetische Zentrum
Die Erfahrung Universum
Spüren Sie Ihre innere Stärke
B. Das Gleichgewicht wiederfinden
Das Gleichgewicht des Beckens
Die Haltungen für das Gleichgewicht
Finden Sie Ihr Gleichgewicht
4. Das Baby ist zu hoch oder zu tief: Was tun?
Bewusst kommunizieren
Der Ort des Treffens
Das Kind liegt zu tief
Das Kind liegt zu hoch
Bereit für die Geburt – der Kopf ist unten
5. Die Senkrechte
Strecken
Die Streckhaltungen
Der bewegliche Brustkorb
Stärkung der tiefen Rückenmuskeln
Die Senkrechte
Strecken wie eine Katze Werden Sie größer
6. Entspannen: ein Initiationsritus
A. Das Loslassen
Das Loslassen üben
Loslassen im Bett Loslassen im Sessel
B. Das Dazwischen: Zutritt zu einer anderen Dimension
Die Stille zwischen den Geräuschen
Die Räume zwischen den Dingen
Die Entspannung, die der Wehe folgt
Die Entspannung herbeiführen
Pausen im Alltag
7. Die Energie der Welle
Die Verlagerung des Bewusstseins
Der Blick von innen oder Bewusstsein
Die Energie spüren
Die energetische Dimension der Wellenatmung
Die verschiedenen Stufen der Wellenatmung
Die energetische Atmung
Das energetische Wiederaufladen
Verbundenheit mit dem Unendlichen und Meditation
Geben Sie der Wellenatmung eine persönliche Note
8. Sich von der Angst befreien
Der Prozess der Angst
Die Angst vor der Entbindung
Eine angstfreie Entbindung
Bleiben Sie positiv
9. Der Schmerz: ein Initiationsritus
Der Entbindungsschmerz
Wie geht man mit Schmerzen um?
Der Schmerz der letzten Wehen
Einen Sinn erkennen: ein Initiationsritus
Jedes Mal, wenn es irgendwo zwickt, testen Sie Ihre Yoga-Techniken .
10. Die Gemeinschaft der Mütter
Die Zugehörigkeit zur Ahnenreihe
Die Familie der Mütter
Die universelle Mutter
11. Die Welle und der Fels
Die Symbolkraft des Wassers
Das Wasser und die Mutterschaft
Das Wasser und die Emotionen
Verflüssigung und Entbindung
Die Präsenz des Felsens
12. Miteinander verbundene Geburten
Den Zustand der Öffnung begünstigen
Von Geburt zu Geburt
Die anderen Geburten
Die eigene Geburt noch einmal erleben
Die Geburten des Lebens
Wenn Sie mit dem Kopf Ja sagen, sagen Sie nicht mit dem Herzen Nein Bereit für die Entbindung
13. Der Tanz mit der Unendlichkeit
Das Unendlichzeichen
Das Unendlichzeichen im Körper
Das Unendlichzeichen in der Bewegung
Die Unendlich-Bewegungen im Becken
Der Tanz der Unendlichkeit
Die minimalen Unendlich-Bewegungen
Der Wille zur Unendlich-Bewegung
Führen Sie regelmäßig Unendlich-Bewegungen durch
Schlussfolgerung
Endnoten
Stichwortregister
Dank an …
Roger Clerc,
der am Beginn meiner Yoga-Initiation da war.
Yves Mangeart,
der für dieses Buch und meine Lebens-Initiation Pate stand.
Richard Moss,
der für dieses Buch und meine Herzens-Initiation Pate stand.
Mylène Defrance
für ihre großartigen, anatomischen Skizzen.
Alle Mütter und Väter,
die dieses Buch und meinen Unterricht mit ihren
Berichten bereichert haben.
Yves Michel,
dem es zu verdanken ist, dass meine Botschaft
so viele Paare erreicht.
Vorwort von Richard Moss
Eine der Konsequenzen der wachsenden Vereinheitlichung unserer Gesellschaft scheint mir zu sein, dass die Menschheit ihrer Initiationsriten beraubt wird. Schließlich sind solche Riten doch genau das, was das Wort Initiation selbst bedeutet: Neuanfänge, Übergänge zu neuen Möglichkeiten. Hat jemand einmal eine richtige Initiation erlebt, ist ein unbewusstes Mittelmaß für ihn keine Möglichkeit mehr: Das Gefühl der Sicherheit, das die Anpassung an den Status quo beschert, erscheint nun unter dem Gesichtspunkt einer spirituellen Leere. Die Initiation führt dazu, innerlich lebendiger zu sein. Körper und Geist wurden an der Quelle erneuert. Die gleichgeschaltete Gesellschaft lässt der Vielfalt keinen Raum. Deshalb bedeutet jede wahre Initiation auch eine gewisse Gefahr: Erst einmal muss man sie überleben, um unsere Welt dann durch unser Dasein zu erneuern, damit die Initiation auch einen Sinn hatte.
Die Natur hat in ihrer Großartigkeit verschiedene Initiationen für unser Leben vorgesehen. Die bedeutendsten sind wohl die Geburt und der Tod, auch wenn sie durch den ständigen Ruf nach Sicherheit und Komfort, die unsere moderne Welt ausmachen, total oberflächlich geworden sind. Die traurige Wahrheit ist doch: Nicht die Gesellschaft enthält uns diese Initiationsriten vor. Weil uns anscheinend die Fähigkeit abhandengekommen ist zu erkennen, was wir da aufgeben, verzichten wir auf diese Initiationsriten, ohne es überhaupt zu merken. Wir fühlen uns verpflichtet, das Risiko und die Unsicherheit, die nun einmal zu einer wahren Initiation gehören, gegen den kurzfristigen Trost einzutauschen, den uns die moderne Medizin verspricht: eine Entbindung ohne Schmerzen und fast ohne Probleme. Wir alle können dankbar sein für die Möglichkeit, die Entbindung für Mutter und Kind so risikofrei wie möglich zu gestalten. Das ist eine sensationelle Befreiung. Aber leider begnügen wir uns ja nicht damit, das Leben zu schützen. Wir greifen ständig und oft auch noch ganz grundlos in den Prozess des Gebärens ein. Dadurch verringern wir das Verwandlungspotenzial für die Mutter. Und wir unterbrechen entscheidende Prozesse für das Neugeborene.
Die heiligsten Initiationsriten der Natur kurzzuschließen hat auf lange Sicht weitreichende Konsequenzen: Es schwächt unsere angeborene Fähigkeit, uns zu liebevollen und einfühlsamen Persönlichkeiten zu entwickeln, die später in der Lage sind, auf sozialer Ebene gute Entscheidungen zu treffen.
Deshalb ist auch dieses Buch von Martine Texier so wichtig. Sie erinnert uns daran, dass eine Entbindung auch eine Bewährungsprobe ist und als etwas Heiliges aufgefasst werden sollte. Die Autorin erklärt, wie die Mutter, wenn sie das Gebären als eine wahrhaftige Initiation erlebt, durch Schwangerschaft und Entbindung darauf vorbereitet wird, ihr eigenes, grenzenloses Selbst mit der Seele des Kindes zu verschmelzen. Diese Initiation erweckt in ihr die tief reichende Fähigkeit, das Kind »gedeihen« zu lassen. Dieser heilige Bund ist für mich die Wurzel der naturgegebenen Fähigkeit, die wir alle besitzen, um uns zu liebevollen und einfühlsamen Persönlichkeiten zu entwickeln. Wie auch die Autorin betont, wird dieses Potenzial grausam beschnitten, wenn es einer Frau nicht gestattet ist, bis an ihre Grenzen zu gehen, um dann darüber hinaus und in neue Sphären geleitet zu werden, indem sie den Härtetest der Geburtswehen und die finale Befreiung des Gebärens durchlebt. Die Autorin warnt uns nachdrücklich: Wenn wir die Verantwortung für die Geburt der Ärzteschaft überlassen, dann berauben wir die Frauen der ihnen eigenen Kraft und das Ereignis seiner besonderen Bedeutung. Außerdem wird eine Geburt spirituell trivial, wenn wir den Geburtsschmerz betäuben und damit seine Fähigkeit mindern, in uns etwas zu erwecken. Das Ganze wird dann zu einer sentimentalen Angelegenheit und hat nichts Reinigendes mehr. Auch die emotionale und körperliche Not, die dem Kind auferlegt wird, ist schädlich: Wenn man zum Beispiel die Nabelschnur zu früh durchtrennt und damit den natürlichen Übergang zum Einsetzen der Atmung unterbricht. Wenn man dem Kind einen Klaps versetzt, um es zum Atmen zu zwingen (weil die Nabelschnur zu früh durchtrennt wurde). Wenn man ihm direkt nach der Geburt aggressive Produkte in die Augen tröpfelt. Wenn man den Moment hinauszögert, in dem die Mutter das Kind in die Arme nehmen darf. Durch diese und viele andere Grobheiten provozieren wir einen Bruch in dem, was die Natur so gut eingerichtet hat, um Mutter und Kind vorzubereiten: auf die längste Mutterbindung unter allen Lebewesen auf der Erde. Diese lange Beziehung, in der die Mutter sich um das Kind kümmert, wird zum Modell für unsere künftigen emotionalen Bindungen, unser Vertrauen in uns selbst und in andere. Kurz: Es ist die prägendste Beziehung.
Die Geburt sowie die darauf folgenden Minuten und Tage sind eines der größten Wunder des Lebens. Wenn die Mutter sich ihr Kind sofort auf die Brust legt, sodass es ihren Herzschlag hört, dann werden durch ihren Herzschlag die Verbindungen zwischen dem Herzen des Kindes, seinem limbischen System, das über unser Gefühlsleben entscheidet, und den Bereichen der Großhirnrinde aufeinander abgestimmt. Daraus kann sich eine größere soziale und spirituelle Kompetenz entwickeln. Diese ersten Augenblicke im Leben beeinflussen also unsere Fähigkeit, liebenswürdig zu sein und soziale Kompetenz zu erlangen. Und der himmlische Frieden, den eine Frau nach einer natürlichen Geburt empfindet, bringt auch dem Kind Frieden, sodass es sich schnell von seinem Geburtstrauma erholt. Das hat dann einen weitreichenden Einfluss darauf, wie dieses Kind später einmal mit Angst umgehen wird. Und wenn der Säugling seiner Mutter ins Gesicht schaut, wird ein komplexer Prozess zur Formung des visuellen Gedächtnisses in Gang gesetzt. Es geht darum, dass er sie erkennt und damit die Entwicklung auslöst, Wahrnehmungen mit Emotionen zu verknüpfen.
Wenn das Baby an der Brust saugt, schüttet der Körper der Mutter Hormone aus, damit die Gebärmutter sich zusammenzieht, die Plazenta sich löst und ausgeschieden wird. Dadurch verringert sich das Blutungsrisiko. Gleichzeitig setzt das Kolostrum der Mutter die Verdauung des Babys in Gang und hilft, sein Immunsystem zu aktivieren. Man sieht also, dass Mutter und Kind sich in einer Art Austausch befinden. Diese Beziehung wird über viele Jahre weitergeführt. Sie bildet quasi das emotionale und physiologische Fundament aller späteren Beziehungen eines jeden Menschen. Doch ohne umfassende Initiation kann es sein, dass die Mutter unfähig wird, sich ganz und gar auf die Tiefe dieser Beziehung einzulassen, wie Martine Texier auf packende Weise ausführt.
Ich kenne Martine seit Jahren. Sie ist eine Frau mit Herz und Verstand. Ich habe ihre Entwicklung verfolgt und erlebt, wie sie ihr ganzes Leben einer Aufgabe gewidmet hat: Sie will der breiten Öffentlichkeit ein tieferes Bewusstsein für die Bedeutung von Schwangerschaft und Geburt vermitteln. Zu diesem Thema hatte ich mit ihr sehr bereichernde Gespräche. Wie bereits in ihrem ersten Werk, L’Attente sacrée, Yoga, maternité, naissance,1 erinnert Martine uns noch einmal daran, dass die Natur weiser ist als unser Intellekt. Sie ermutigt uns alle, Männer wie Frauen, auf einer authentischen Beziehung mit unserem Körper und unserem Schicksal zu bestehen. Wir sollten die großartige Initiation ganz bewusst annehmen, die eine Geburt bedeutet. Die Natur macht sie eigentlich jedem Menschenleben zum Geschenk.
Richard Moss
Vorwort von Yves Mangeart
In ihrem ersten Buch, L’Attente sacrée, Yoga, maternité, naissance,1 hat Martine Texier die Erfahrungen aus ihren Kursen zur Geburtsvorbereitung mit Tausenden von Frauen geteilt.
Ihr zweites Werk, Accouchement, naissance: un chemin initiatique (Der weibliche Weg), ist eine Vertiefung des ersten. Hier werden die Einsichten und Erkenntnisse ins Licht gesetzt, die den persönlichen, familiären und beruflichen Werdegang Martines geprägt haben. Entwicklung und »Geburt« dieses Buchs profitierten von der Begeisterung und dem praktischen Sinn der Autorin. Und jede Woche gewinnt sie in ihren Kursen für Schwangere weiter an Erfahrung.
Die neunmonatige Initiation und der Ritus der Geburt sollten ins rechte Licht gerückt werden. Denn als Frau hat man hier die einzigartige Gelegenheit, ganz aufzugehen in der Schönheit des täglich Neuen in sich, und das über einen langen Zeitraum hinweg.
Doch eine Frau kann diese Gelegenheit auch verpassen, wenn sie sich von den kleinen Wehwehchen vereinnahmen lässt, die dieses großartige Geschehen begleiten. Dann erlebt sie jede Menge Unannehmlichkeiten, die sie an den Rand drängen, obwohl sie im Zentrum dieses großen Mysteriums stehen könnte, welches das Leben ja ist. Übelkeit, Ängste, Unzufriedenheit, Unverständnis, Schmerzen, Beeinträchtigungen, narzisstische Einstellungen, Verärgerung, Angewohnheiten, die durcheinandergeraten, und schließlich die Schmerzen, die es um jeden Preis zu vermeiden gilt. All das kann Schwangerschaft und Geburt überschatten, wenn sie schlecht vorbereitet sind.
»Alles hängt davon ab, worauf man besteht.«
Martines Bücher veranschaulichen den Initiationsritus hinter dieser neun Monate währenden Verwandlung mit der Geburt als krönendem Abschluss.
Was ist mit Initiation gemeint? Es geht um das staunende Bewusstsein für das Neue eines jeden Augenblicks. Da ist eine unermessliche, geheimnisvolle Präsenz, die jede Wirklichkeit tief durchdringt. Während der Schwangerschaft ist das Baby in der Körpermitte der Frau ein stiller Beweis dieser Wahrheit. Und wer zu »sehen« versteht, für den ist diese Entwicklung hin zur Niederkunft überall im großen Ganzen der Natur und des Lebens zu sehen.
Eine Schwangere ist nicht nur mit einem Kind schwanger. Sie kann sich mit aller Macht bewusst werden, dass nicht nur ihr Körper sich verändert: Ihre Augen werden nicht mehr auf die gleiche Weise sehen, und Geräusche berühren sie ganz anders. Sie nimmt sich und ihre Mitmenschen nicht mehr so wahr wie zuvor. Ihr Sein ist viel mehr im Einklang mit allem Sein. Sie trägt ein »neues Sein« in sich, ein »in der Welt sein«. Auch der werdende Vater kann von der Erneuerung und dem Mysterium berührt werden.
Die überwältigende Erkenntnis, Leben schenken zu können, steht im Zentrum des Daseins und kann Eltern wachrütteln. Die Erfahrung der Geburt ihres Kindes, ihrer Kinder, kann ihrem Leben solche Impulse verschaffen, dass sie ständig mit neuen Projekten »schwanger« gehen, etwas Neues ausbrüten, neue Ideen in die Welt setzen.
Initiierte, Eingeweihte, erleben die tausend Kleinigkeiten des Alltags liebevoll als »Akt der Liebe«. Eingeweihte lassen sich von den Zeichen berühren und bereichern, die immer neu die oder den befruchten, die sich dem Augenblick öffnen. Eingeweiht sein bedeutet auch, sich selbst und sein Herz zu erforschen, um immer wieder neu Jugend, Schönheit, Überschäumen zu erleben.
Und wer eingeweiht ist, der nimmt voll und ganz am Leben teil, an den intimen, ruhigen Momenten genauso wie an den Stürmen und Umstürzen, die Neues schaffen.
Yves Mangeart